Bergkristall (40)

Aktuell bin ich fast 40 ½ Jahre alt, gelernte Juristin, fest angestellt im öffentlichen Dienst.

Ich verfüge über einen kleinen, aber stabilen und sehr langjährigen Freundeskreis und zusätzlich über etliche Bekanntschaften einschließlich der Kontakte zu ehemaligen und aktuellen Kollegen. Ich hatte mir mein Leben soweit gut eingerichtet, meine Familie und meine engen Freunde wussten auch schon immer, dass ich ABine war. Außerhalb meines engen Umfeldes stellte ich mich allerdings immer als gewöhnliche Frau mit erfundenem Liebeslebenslauf dar, was auch nie jemandem auffiel, von dem ich das nicht wollte.

Bis vor etwa 2 Jahren ging es mir immer recht gut damit. 

Ich habe phasenweise die Einsamkeit empfunden und einen Partner vermisst, verfiel dann aber wieder in eine Starre/ Passivität und konzentrierte meine gesamte Energie auf Ausbildung/ Job und/oder andere Aktivitäten des täglichen Lebens ohne darüber weiter nachzudenken. Der Mangel an Erfahrung beeinflusste mein Leben nicht sehr für mein Empfinden. Da ich ein extrovertierter, offener und kommunikativer Mensch bin, war ich immer genug eingebunden, um das Leben der Anderen aus 2. Hand mitzubekommen. So konnte ich Ratschläge geben wenn nötig und auch in irgendwelchen Runden mitreden ohne jemals weiter aufzufallen.

Die Schattenseite war wohl, dass ich sicher in der ganzen Zeit auch viele Chancen versäumt habe. Denn männliche Aufmerksamkeit nahm ich nicht wahr. Ich fühlte mich hässlich, nicht begehrenswert, als Frau nicht existent. Es gibt drei Männer, von denen ich sicher weiß,  dass da mehr für mich möglich gewesen wäre – in der Rückschau. Damals hielt ich sie nur für freundlich/ höflich. Übersehen habe ich sicher noch weit mehr als nur diese Drei.

Der Wendepunkt meines Lebens kam, als ich mich vor den besagten 2 Jahren zum ersten Mal selbst verliebte. In einen Arbeitskollegen. Es entstand eine ziemlich enge Verbindung zwischen uns. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass meine Gefühle für ihn auch gar nicht so einseitig waren. Aber da es nicht immer nur auf Gefühle ankommt im Leben und seine Lebenssituation kompliziert war, ging ich dennoch mit meinem ersten Liebeskummer aus der Sache raus. Nach fast einem Jahr vergeblicher Bemühungen um ihn, nach 2 Liebensgeständnissen und immer noch als HC ABine.

Trotzdem hatte sich damit alles für mich verändert. Ich wollte nicht, dass mein Leben so weiter geht wie bisher. Ich wollte keine ABine mehr bleiben bis an mein Lebensende.  Also beschloss ich, jetzt endlich aktiv etwas dagegen zu unternehmen. Ich habe mir also zuerst noch mal einen Therapieplatz gesucht. Und eine AB-Selbsthilfe –Gruppe. Ich begann mich mit meinem Selbstwertgefühl auseinanderzusetzen. Mit all den Themen, die in diesem Zusammenhang wichtig sind – weil es meiner Meinung nach hauptsächlich die eigene Ausstrahlung ist, die mich jahrelang in der AB Falle gehalten hat. Mein Glaube daran, das hässliche Entlein zu sein.

Ich weiß nicht, ob ich als schöner Schwan durchgehe, aber wenn ich nach den Männer gehe, mit denen ich bisher zu tun hatte, spricht für diese Theorie (eigene Ausstrahlung) etliches mehr, als für meine vorherige Theorie (hässliches Entlein) ;-)

Ich kam dann irgendwann zum Online-Dating und etwa 5 Monate nach meinem Änderungsbeschluss durfte ich meinen ersten Kuss erleben plus eine eingeschränkte sexuelle Erfahrung (noch ohne Vereinigung). Es war eine wunderschöne Erfahrung, allerdings musste ich feststellen, dass mein Körper nach all der Zeit nur eingeschränkt reagierte und Angst –Blockaden dazu kamen, die meine Empfindungsfähigkeit stark einschränkten. Diese Tatsache war dem betreffenden Mann wohl zu anstrengend, jedenfalls hielt die frische Beziehung aufgrund der Tatsache, dass ich die Vereinigung verweigerte nur sieben Wochen.

Etwa parallel dazu hatte ich Frau Büchners Buch gelesen und da meinen Therapeutin auch meinte, dass solche Dinge sich besser durch eine Sexualtherapie klären ließen, beschloss ich, meine Bemühungen wenn möglich um die Coaching Termine zu erweitern. Ich bekam sehr schnell einen Termin, worüber ich mich sehr freute, und in der Folge lernte ich vor Allem noch einmal viele alte Denkmuster zu hinterfragen.

Rückblickend mache ich das eigentlich neben meiner falschen Denkweise bezüglich meines Äußeren als zweiten wesentlichen Punkt für mein Jahrelanges AB –Dasein verantwortlich. Sich selbst abzulehnen ist genauso schädlich wie ständig von vorneherein Dinge auszuschließen und abzulehnen, von denen man gar nicht genau wissen kann, wie man sie findet. (z.B. kategorisch einen Raucher als Partner ausschließen, weil man gehört hat, es sei eklig Raucher zu küssen.  Aber wenn ich das selbst nie ausprobiert habe, kann ich nicht wissen, ob es für mich eklig ist. Ich finde es nicht eklig im Übrigen.)

Körpertraining und Massagen kamen dazu. Mein Gefühl für meinen Körper hat sich in der ganzen Zeit stark verändert. Ich kann mich sogar jetzt mit einem positiveren Gefühl im Spiegel ansehen und habe total verinnerlicht, dass es Männer gibt, die meinen Körper sehr zu schätzen wissen, auch wenn ich keinen Standard –BMI habe. Richtiger formuliert: Gerade deswegen :-)

Zwischen meinem ersten Kuss und dem ersten Mal lagen 7 Monate.

Ich kannte den Mann gerade mal 2 Wochen. Ich habe mich entschieden einfach meinem Bauchgefühl nachzugeben, also einem reinen Mögen und meinem sexuellen Verlangen. Und dieses Mal machte mein Körper was er sollte, ohne mich groß zu blockieren und das empfand ich als großen Erfolg. Auch dass ich mich dieses Mal völlig problemlos nackt zeigen konnte, die Begeisterung in den Augen meines Partners wahrnehmen konnte, weil er „zugreifen“ durfte. Weil er eine üppige Frau wie mich als etwas Schönes betrachtet, vor Allem, wenn sie keine Notwendigkeit sieht, irgendwas zu verstecken oder zu kaschieren.

Ich fand mein erstes Mal toll. Nicht weil es super und problemlos gelaufen ist. Nein, es war durchaus hier oder da kurz etwas schmerzhaft und mehr eine Sportübung, als ich das je vermutet hätte. Aber da war einfach so viel Begeisterung bei ihm wegen meines Körpers und weil er Lehrer sein konnte – spür– und sichtbare Begeisterung. Und dann die Wärme und die Nähe, das Kuscheln  und das gemeinsam einschlafen – alles Dinge, die irgendwie zwar total unspektakulär sind, aber trotzdem total überwältigend.

Ich weiß nicht ob es besser oder schlechter als erwartet war. Ich hatte gar keine rechte Vorstellung davon, außer aus Liebesfilmen und ich hatte davor irgendwie hauptsächlich ganz viel Angst. Rückblickend völlig unnötige und überhöhte Angst. Ich habe „das erste Mal“ jahrelang zu einer großen Sache aufgebauscht. Und so schön es war – eine große  Sache war es am Ende wirklich nicht.

Im Moment ist alles sehr chaotisch. Auch weil ich noch nicht weiß, wo diese Beziehung (?) hin steuert. Ausgewirkt auf mich hat es sich definitiv. Ich fühle mich irgendwie jetzt endlich vollständig. In jeder Hinsicht erwachsen. Und auch wenn ich bei Sexgesprächen nie das Gefühl hatte, ich könnte nicht mitreden ist das Gefühl mitzureden jetzt anders. Jetzt weiß ich wirklich wovon geredet wird. Und ich spüre diesen Unterschied deutlich. Mein eingeweihtes Umfeld reagiert teilweise etwas verunsichert hab ich das Gefühl. Sie kennen das von mir nicht und werden sich jetzt an mich und mein neues Leben anpassen müssen. Das war in der Tat etwas, was mich überrascht hat.

Außerdem ist meine Außenwirkung offenbar weiter verbessert. Ich bekomme im Kollegium viele Komplimente zurzeit. Außerdem werde ich von Männern auf der Straße häufiger angesehen. 2 x wurde ich sogar angesprochen, was mir vorher nie passiert ist. Meine Vermutung ist, dass ich mich vielleicht selbstsicherer bewege. Ich werde das noch weiter beobachten.

Ob ich stolz auf mich bin? Das sollte ich wohl sein. Immerhin habe ich mir etwas vorgenommen, dafür gearbeitet und es in etwa einem Jahr erreicht. Dennoch fällt es mir – wohl AB-Typisch – schwer diese Frage mit einem klaren JA zu beantworten. Das zeigt mir am deutlichsten, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist.

Daher ist mein Ziel, weiter an mir zu arbeiten. Und ich möchte nach wie vor eine echte Beziehung haben. Ich freue mich über den Sex und über das erste Mal. Aber ich glaube nicht, dass eine Sex –Beziehung oder sporadische Abenteuer mich auf Dauer glücklich machen werden. Vielleicht ist das nicht mal schlecht für eine gewisse Zeit. Kommt möglicherweise auf einen Versuch an. Aber das was ich mir wirklich wünsche ist es definitiv nicht.

Aber eigentlich spricht nichts dagegen, dass ich das auch noch erreichen werde.

Ich habe das aufgeschrieben weil ich Mut machen möchte: Man kann es schaffen. Auch noch mit 40 !

Und glaubt auch Niemandem, der euch sagt, dass ihr dafür schlank sein müsst. ;-) Oder dass ihr gegenüber eurem Partner nicht zu eurem AB Status stehen könntet.