Ich bin Autistin und Absolute Beginner

"Mein Name ist Frederike

ich bin 33 Jahre und wohne in einem Betreuten Wohnen für Menschen mit Autismus.

Meine Betreuerin und ich lesen gerade gemeinsam Ihr Buch: "Für die Liebe ist es nie zu spät", da dies auch viele Menschen mit hochfunktionalem Autismus  betrifft, auch ich bin sogenannter Absolute Beginner.

Für eine eventuelle zweite Auflage des Buches würden wir beide empfehlen, bei den Gründen für fehlende Sexuelle Erfahrung und bei Fallbeispielen das Asperger Syndrom zu erwähnen. Immer mehr Männer und Frauen erfahren durch die immer besser werdende Diagnostik erst mit 40 oder 50 Jahren, dass ihre Probleme von dieser leichten Form des Autismus herrühren, besonders auch fehlende Sexualität. In der Einrichtung bei uns werden 41 Menschen in ihren eigenen Wohnungen betreut, gut die Hälfte ist komplett absolute Beginner, ein weiterer Teil hatte schon Sexualität findet aber keinen Partner - nur eine Handvoll lebt in einer Paarbeziehung mit und ohne Kinder. Es gibt immer das Klischee, Autisten brauchen andere Menschen nicht und wollen keine Sexualität, was so nicht stimmt, es sind vor allem die sozialen Einschränkungen und unpassende Kontaktaufnahme.
 
Gerade Asperger Autisten haben aufgrund der komplexen Einschränkung besonders Probleme, Partner zu haben und Sexualität zu haben.

Diese Probleme sind hauptsächlich: Erkennen sozialer Signale, die Kommunikation mit anderen Menschen, Empathie, starre Routinen und Ablehnen von Veränderungen sowie auch noch eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührungen, Geräuschen, Gerüchen. Wir Autisten sind also perfekt prädestiniert dafür, Absolute Beginner zu sein. Ich suche für mich persönlich schon lange nach Beratung zu dem Thema Absolute Beginner und Asperger, schon mit einem der beiden Problematiken kennt sich niemand aus - beides zusammen schon gar nicht. Und besonders auch nicht gibt es Beratungen, die sich Erwerbsunfähige Berentete (wie ich) oder Geringfügig Beschäftigte in den Werkstätten (wie fast alle bei uns) leisten könnten.

Auch Sozialtrainings die für Asperger wichtig wären zahlt keine Kasse. Zwar gibt es Angebote für Geistig Behinderte, da passen Asperger Autisten aber nicht rein. Hier besteht die Diskrepanz zwischen einem sehr hohen Intellekt und gleichzeitig kindlichem Sozialverhalten und Ängsten.

Vielleicht sind Sie in Ihrer Praxis auch schon dem einen oder anderen Asperger Autisten begegnet, bei diesem Verdacht sollte man dies den Leuten auch nahelegen, sich auf Asperger Syndrom testen zu lassen, da einem da noch mal ganz andere Hilfen wie spezialisiertes Sozialtraining möglich sind.
 
Mit freundlichem Gruß,

Frederike"


Liebe Frederike

vielen Dank für das Email! Ich veröffentliche es sehr gerne im meinem Blog, damit auch andere Betroffene die wichtigen Informationen erhalten.
 
Ich habe bisher mit wenigen Menschen gearbeitet, die diagnostizierte Autisten waren. Öfter arbeite ich mit Menschen, die leichte Störungen aus dem  Autismus-Spektrum aufweisen. Manchmal ohne dass ihnen das selbst bewusst ist.

Es ist ja gar nicht so einfach einen anderen Menschen als Partner zu gewinnen. Es geht ja immer wieder darum, die richtigen Zeichen für eine gelungene Kommunikation auszusenden und die Reaktion auch richtig zu interpretieren. Das ist gerade für Autisten schwer. Das Kennenlernen von zwei Menschen ist ja ein ununterbrochener Austausch von Zeichen. Lächle ich und wirke freundlich, kann mein Gegenüber sich sicher fühlen und selbst freundlich zurück lächeln. Schaue ich „neutral“ ohne die Mundwinkel nach oben zu ziehen, wird mein Gegenüber sich eventuell unsicher fühlen, es kann mich „nicht einschätzen“. Es weiß nicht, ob ich am Kontakt interessiert oder abweisend bin. Nonverbale Zeichen werden ununterbrochen ausgesendet. Dazu gehört die Körperhaltung, Körperspannung, Bewegung, Gestik, die Art und Weise wie ich sitze, gehe, stehe, meine Sprache, die Tonlage und vieles andere mehr.

Einem Menschen mit autistischen Einschränkungen fällt es schwer, Zeichen des Gegenübers richtig zu deuten. Oder selbst passende Zeichen auszusenden. So kann eine Kommunikation sich schwer entwickeln. Leichter wird es für das Gegenüber, wenn es von den Einschränkungen weiß. Wenn sie vollkommen offen gelegt werden. Dann kann sich der Nicht-Autist etwas darauf einstellen, keine oder weniger Zeichen zu erhalten. Für den Autisten selbst ist es sehr schwer, Zeichen auszusenden. Auch wenn er sich bemüht, kann es immer noch für andere verstörend sein, wenig Zeichen zu erhalten.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist der, im Laufe der Zeit ein gutes Körperbewusstsein zu entwickeln. Es geht dabei darum, den eigenen Körper als Ganzes wahrzunehmen, sich selbst zu fühlen, sich wohl zu fühlen und das sogar im Laufe der Zeit zu genießen. Wenn das Ziel eine Partnerschaft sein sollte, ist es ein Vorteil, Körperkontakt als angenehm zu empfinden.

Um zu veranschaulichen, was ich meine, möchte ich von Beispielen in meiner Praxis berichten.

Sabine (35), Autistin

Sabine wünschte sich eine Partnerschaft und Sexualität. Sie lebte in einer betreuten Wohngruppe. Sie wünschte sich „ganz normale Kontakte“, wie sie sagte. Sie wolle einmal mit einem Mann im Restaurant speisen, so wie Paare es tun. Sie wünschte sich, mit ihrem Partner in den Urlaub zu fahren. Deshalb kam sie in meine Praxis.

Die gemeinsame Arbeit war manchmal nicht leicht. Für mich bedeutete es insbesondere, alle Lernschritte in sehr kleine Schritte aufzuteilen. Und auch in meinen Sätzen sehr klar zu bleiben. Ich musste mich bemühen, Sabine nicht dann und wann mit Spontanität zu „überrumpeln“. Schwenkte ich im Gespräch zu schnell von einem Thema zum anderen, konnte es geschehen, dass sie in eine körperliche Blockade fiel. Sie saß dann starr vor mir, regungslos. Und auch ich fiel in eine Art Starre, so als wäre ich „ausgeschalten“, weil ich, gerade während der ersten Male, die Situation nicht einschätzen konnte. Sie und ich brauchten ein paar Minuten um wieder heraus zu kommen. Da bedeutete es für mich, vorsichtig zu sein. Und mich zu bemühen, langsamer zu sprechen. Zeit zu geben. Immer wieder zu warten, was von ihr kam. Und nicht zu viel vor zu geben. Wir sprachen über unsere gegenseitigen Empfindungen, das machte es für beide viel leichter, den anderen einzuschätzen und Vertrauen aufzubauen. Im Laufe der Zeit wurde es deshalb viel einfacher, konstruktiv miteinander zu arbeiten.

Sabine wünschte sich eine Partnerschaft und auch Sexualität. Ihr eigener Körper war ihr jedoch ziemlich fremd. Sie berührte ihn nicht, hatte keine erotische Erfahrung mit sich selbst.

Wir arbeiteten mit Körperarbeit. Sabine lag (bekleidet) auf meiner Massagebank. Meine Hände lagen auf ihrem Körper. Schon das war zu Beginn schwer für sie auszuhalten. Ihr Körper kam in die bekannte Blockade, spannte von oben bis unten an. Aber sie sagte, das gehe vorbei, sie möchte weitere Erfahrungen machen.

Im Laufe der Zeit war es möglich, meine Hände über den ganzen Körper gleiten zu lassen. Es war ihrem Körper möglich, sich nach und nach immer mehr zu entspannen. Zuhause übte sie, sich selbst zu berühren. Sie sagte, es fühle sich so an, als ob der Teil zwischen Rippen und Oberschenkel gar nicht zu ihr gehöre und völlig fremd sei. Das wurde nach einigen Monaten etwas besser. Der Körper konnte nun etwas besser, wenn auch nicht völlig, als Ganzes wahrgenommen werden.

Wir arbeiteten auch mit näherem Körperkontakt. Sabine lag auf dem Bauch auf der Massagebank. Ich lag mit meinem Körper auf ihrem Körper. Sie sagte, sie könne stundenlang so liegen. Natürlich alles immer bekleidet. Der Druck, die Wärme, den Atem fühlen, es würde sich anfühlen wie im Mutterleib.

Im Laufe des Coachings wurde sie selbstbewusster. Konnte sich deutlicher machen mit dem was sie wollte oder nicht wollte. Sie lernte, sich verbal mitzuteilen, wenn die Körpersprache nicht ausreichte, um sich deutlich zu machen.

Was Sabine nach wie vor besonders schwer fiel war, selbst aktiv zu sein. Sie sehnte sich nach Hautkontakt, es war jedoch kaum möglich zu lernen, eine andere Person zu berühren.

Nachdem wir ein Jahr mit monatlichen Terminen von zwei Stunden zusammengearbeitet hatten, brauchte Sabine eine Pause. Ihr Verhalten hatte deutliche Fortschritte gemacht. Sie war aktiver und mehr in der Lage, ihren eigenen Weg zu bestimmen. Körperlich jedoch kam die Entwicklung zu einem Stillstand. Sie hatte sich schnelleren Fortschritt erhofft und war enttäuscht, nach einem Jahr Arbeit, sich von einer Partnerschafft immer noch sehr weit weg zu fühlen. Sie sagte, je intensiver wir miteinander arbeiten, desto mehr würden ihr ihre Blockaden bewusst. Sie brauche eine Zeit der Sammlung für sich.

Hans (42) leichter Asperger Autismus

Hans hat eine leichte Form von Asperger Autismus. Im Beruf ist er erfolgreich im EDV-Bereich tätig. Seine Kollegen schätzen ihn als kompetenten und sympathischen Mitarbeiter, wenn sie auch wissen, dass er offensichtlich ein besonderer Mensch ist, humorvoll ausgedrückt, gelegentlich etwas schräg.
 
Hans sagt, er könne die Zeichen, welche die Kollegen und Kolleginnen in der Teeküche ununterbrochen austauschen, während sie plaudern, nicht deuten und deshalb nicht an der Interaktion teilnehmen. Er fühle sich dort so unsicher, dass er vermeide in die Teeküche zu gehen, wenn sich andere darin befinden.

Auch Hans hat eine eingeschränkte Körperwahrnehmung. Auch für ihn fühlt sich die Zone zwischen Rippen und Oberschenkel irgendwie nicht dazugehörig an. Obwohl er Selbstbefriedigung ausführt, dient das eher der Entspannung als wirklichem Genuss.

Er liebt nahen Körperkontakt sehr. Obwohl er sich sehr passiv und gehemmt dabei fühlt, hat er ein wunderbares Ritual für sich gestaltet. Zweimal pro Monat begibt er sich zu einer erotischen Ganzkörpermassage - jedoch (noch) ohne den erotischen Teil. Er kann dabei nackten Hautkontakt genießen und sich ganz spüren dabei. Er und seine Masseurin sind mittlerweile ein eingespieltes Team.

Und immer wieder geht es ein Stückchen weiter mit der positiven Entwicklung!


Wenn ihr mehr wissen möchtet über das Thema Autismus, hier der Wikipedia-Link:

https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus